Der Begriff Me-Search
Ursprünglich hielt ich ‘Me-Search’ für einen auf künstlerische Forschung gerichteten Vorwurf, zu sehr die eigene Situation in die Forschung miteinzubeziehen. Es war einfach eine weitere Sache, die künstlerische Forschung nicht sein sollte – davon gibt es ja eine Menge, und als angehende künstlerisch Forschende ist eine der größten Herausforderungen, durch den Dschungel des Was-es-nicht-sein-soll bis zum Was-es-ist zu finden.
Mit etwas mehr Erfahrung würde ich diesem Vorwurf entgegnen: Künstlerische Forschung muss Me-Search sein. Das, was sie gegenüber den anderen Forschungsrichtungen auszeichnet, ist die privilegierte epistemische Position des Subjekts; es sind die besonderen Einsichten, die jemand als Kunstschaffende*r oder als Rezipient*in haben kann, die im Erleben entstehen und nicht in der theoretischen, vom Subjekt abstrahierten Kontemplation. Natürlich kann diese Subjektivität ins Negative umschlagen, in Beliebigkeit und völlige Unkommunizierbarkeit. In diesem Fall würde ich aber einen anderen Begriff empfehlen, der das Problem genauer trifft und nicht einen großen Teil der künstlerischen Forschung als Kollateralschaden miteinschließt – beispielsweise ‘Beliebigkeit’.
Aber ich möchte hier die Perspektive noch mehr ausweiten: ‘Me-Search’ ist nämlich gar kein Begriff, der allein – oder auch nur vor allem – auf künstlerische Forschung zielt.1 Er zielt allgemein auf Forschung, die von ‘Betroffenen’ durchgeführt wird, beispielsweise wenn ein schwuler Forscher zu Homosexualität forscht. Entlarvenderweise wird er nicht verwendet für heterosexuelle Forscher, die über Heterosexualität forschen – deren Position wird als neutral gedacht, eine Position aus dem Nichts, die nicht von ihrer Positionalität beeinflusst wird und völlig objektiv sein kann.
Natürlich besteht eine Gefahr für die Objektivität, wenn ein Forscher von seinem Thema betroffen ist, aber die besteht auch, wenn eine weiße Person über rassifizierte Menschen schreibt, oder wenn die akademische Mittel- und Oberschicht über Armut forscht (sozusagen You-Search) – um nicht zu reden von Ölfirmen, die Klimawandelforschung finanzieren.
terms like me-search appear to be academic methods of social and knowledge control that limit our understanding of the world and marginalize people for no reason other than being honest about the influences that feed into their scholarly endeavors2
Damit verunmöglicht der Begriff Betroffenen, im akademischen Rahmen für die eigene Situation zu agieren. Sie müssen darauf warten, bis jemand, der Neutralität beanspruchen kann, sich um das Thema kümmert, was üblicherweise nicht oder nur viel später passiert. ‘Me-Search’ ruft ein Konzept auf, das marginalisierten Gruppen die Stimme abspricht und sie damit weiter marginalisiert. Für mich bleibt als Konsequenz: Selbst in ironischer, selbst-abwertender Sprache sollte dieser Begriff nicht verwendet werden, weil er auch dann dieses Konzept aktualisiert.
Das sind nun alles keine neuen Gedanken3, aber ich denke, es ist sinnvoll, sie sich auch im Kontext der künstlerischen Forschung nocheinmal klar zu machen: Alle Forschung geht von einer Position inmitten des Geschehens aus, und genau dies ist das Pfund, mit dem künstlerische Forschung wuchern sollte.
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Beispielsweise wird “Me-Search” in der Psychologie untersucht, eine Studie von 2021: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8270443/ oder diese Studie von 2023: https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/21677026221141655 ↩︎
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J. Sumerau 2015 in https://writewhereithurts.net/2015/06/18/what-is-me-search/ ↩︎
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Neben Sumerau (siehe Fußnote 2) beispielsweise auch Victor Ray 2016 in https://www.insidehighered.com/advice/2016/10/21/me-studies-are-not-just-conducted-people-color-essay ↩︎