Nocheinmal: Welches Wissen

Eine der für mich kniffligsten Fragen, die ich an die Künstlerische Forschung stelle, ist die nach dem Träger des Wissens. Forschung schafft, erzeugt, Wissen. Aber wer sind die Träger des erzeugten Wissens im Falle der Künstlerischen Forschung? Eine Variante, die sich sehr eng an der wissenschaftlichen Forschung orientiert, ist die Antwort “Die Forschenden”: Indem ich ein Projekt künstlerischer Forschung realisiere, forsche ich, und danach weiß (“wissen” im weitesten Sinne1) irgendetwas Neues oder Genaueres. Eine zweite Option ist “Das Publikum”: Diejenigen, die etwas Neues wissen, sind alle, die das Kunstwerk rezipieren.

Die dritte, weiteste Variante (und für mich bisher die schwächste) ist “Die Kultur/Gesellschaft”. Durch mein Kunstschaffen verändere ich etwas in einem wie auch immer gearteten kulturellen Bewusstsein. In diesem Fall wird es extrem schwer, forschende Kunst von nicht-forschender Kunst zu unterscheiden, überhaupt absichtlich künstlerisch zu forschen, sowie festzustellen, was genau die Inhalte sind, die durch das jeweilige Kunstschaffen oder Kunstwerk erforscht wurden. In Verbindung mit der Performativitätskonzeption von Jonathan Culler hat diese Variante jedoch einen eine unerwartete Stärke:

Cullers Perspektive auf Performativität

Jonathan Culler erörtert und kontrastiert in seinem kurzen Aufsatz Philosophy and Literature: The Fortunes of the Performative2, verschiedene klassische Konzeptionen von Performativität. (Allein deswegen eignet er sich gut als kurzer Einstieg in das Thema.) Gegen Ende vergleicht er primär die Konzeption Austins mit der von Judith Butler und legt dar, wie diese jeweils verwendet werden können, um die Performativität von Literatur zu analysieren. Austins Fokussierung auf den singulärem Sprechakt überträgt Culler auf einzelne Wirkungen einzelner Werke:

For each work, one can try to specify what it and its parts accomplish […] (Culler, S. 516)

In der Konzeption Butlers besteht die Kraft der Performativität nicht im Hervorbringen einzelner Sachverhalte durch einzelne Äußerungen, sondern in einer “massive, daily repetition of conventional procedures” (Culler, S. 516). Entsprechend könnte laut Culler die Performativität von Literatur konzipiert werden:

[…] thinking of Butler’s model, we could say that a work succeeds, becomes an event, by a massive repetition that takes up norms and, possibly, changes things. If a novel happens, it does so because, in its singularity, it inspires a passion that gives life to these forms, in acts of reading and recollection, repeating its inflection of the conventions of the novel and, perhaps, effecting an alteration in the norms or the forms through which readers go on to confront the world. A poem may very well disappear without a trace, but it may also trace itself in memories and give rise to acts of repetition. Its performativity, then, is less a singular act accomplished once and for all than a repetition that gives life to forms that it repeats. (Culler, S. 516f)

Mit Butler lässt sich also ein Gewinn von ‘Wissen’ innerhalb der Kultur annehmen. Es bleibt zwar schwer bestimmbar, worin dieses ‘Wissen’ genau besteht – und ob es überhaupt entsteht –, aber auf welche Weise es entsteht, welche Mechanismen am Werk sind, lässt sich damit beschreiben.


  1. Wissen, als Nomen und als Verb, verwende ich hier in einem sehr weiten Sinne; ich möchte umgehen festzulegen, was genau das Wissen ist (oder von welcher Art die Inhalte sind), das durch Künstlerische Forschung entsteht, weil es eben auch mit der Frage nach dem Wo zusammenhängen kann. Um diese nicht ungewollt indirekt zu beantworten – um die Antwort auf die Frage nach dem Wo nicht unabsichtlich zu determinieren – muss der Begriff Wissen hier sehr vage bleiben. ↩︎

  2. Culler, Jonathan: Philosophy and Literature: The Fortunes of the Performative (2000), Poetics Today, Vol. 21 No. 3, S. 503–519. ↩︎