Negative Performativa
Andrew Parker und Eve Kosofsky Sedgwick erwähnen in der Einleitung zu ihrem Sammelband Performativity and Performance die “fascinating and powerful class of negative performatives” (S. 9). Sie nennen die Beispiele “disavowal, renunciation, repudiation, ‘count me out’” (S. 9), also Verleugnung, Verzicht, Zurückweisung und “Ohne mich” (wahrscheinlich als eine Antwort auf “I dare you to …”).
Ein wichtiges Detail ist die Bedeutung der Begriffe ‘positiv’ und ’negativ’ in diesem Zusammenhang: Hier geht es nicht um Valenz, eine Beleidigung wäre meines Erachtens auch ein positives Performativum, da es setzt und nicht negiert. Bei einer Entschuldigung hingegen bin ich mir schon viel weniger sicher: Diese soll ja einen Sachverhalt (die Schuld) aufheben oder zumindest mildern. Eine genauere Untersuchung könnte von einer Sammlung solcher negativ-performativen Äußerungen ausgehen und deren Charakteristika sammeln, wird aber, wenn überhaupt, erst in einer späteren Phase meiner Arbeit zu leisten sein.
Eine Eigenschaft jedoch möchte ich hier herausstreichen: Diese Klasse der negatven Performativa neigt laut Parker/Kosofsky Sedgwick viel weniger als die positiven Performativa (beispielsweise Versprechungen, Provokationen, Taufen) dazu, zur Konvention zu werden: Positive Performativa werden leichter zu Formeln, liegen eher auf der Zunge als negative.
Diese Perspektive erlaubt eine interessante Verbindung zu den Performativitätskonzeptionen von Derrida und Butler: Erstens basieren diese beiden wesentlich auf Zitationalität. Wenn Parker und Kosofsky Sedgwick den negativen Performativa eine schwächere Neigung zu Konventionalität zusprechen, sind sie dann auch schwächere Performativa? Zweitens basiert bei Butler die Performativität von Gender nicht nur auf Zitationalität, sondern auch auf Ausschlüssen – also auf Sachverhalten, die von Zurückweisung hergestellt werden, die oben ein Beispiel für negative Performativa war.
Parker und Kosofsky Sedgwick entwickeln diese Überlegungen bei der Betrachtung eines Beispiels: Eine Person fordert eine andere mit den Worten “I dare you …” zu einer Mutprobe auf. Zu diesen beiden Personen kommt ein (wenn auch vielleicht nur imaginiertes) Publikum, das von der auffordernden Person shanghait wird, um Druck auf die aufgeforderte Person auszuüben. Damit stellt der*die Äußernde durch die Phrase eine soziale Situation her, in der er*sie eine gewisse Macht oder Autorität besitzt. die aber teils vom Publikum abgeleitet ist. Er*sie ruft ein vorhandenes “set of presumptive valuations” (S. 9) auf und bestätigt diese dabei.
Das übliche soziale Skript verlangt nun, dass der*die Aufgeforderte auf die Mutprobe eingeht, sich versucht, und entweder scheitert (was die Autorität der auffordernden Person bestätigt) oder erfolgreich ist (was die Autorität laut Parker/Kosofsky Sedgwick nicht nur in Frage stellt, sondern sogar umkehrt). Sich der Mutprobe zu entziehen, entspricht nicht dem sozialen Skript und ist dadurch schwieriger oder sogar mit sozialen Kosten verbunden, ebenso wie die Verweigerung des Publikums, als Zeuge zu fungieren oder die Autorität der*des Auffordernden zu stützen. Auch in diesen Fällen würde es “radically alter the social, the political, the interlocutory (I-you-they) space of our encounter.” (S. 9)
Diese Verweigerung ist also wirksam, auch wenn sie sich weniger auf konventionelles Verhalten oder Äußerungskonventionen stützen kann. Dies bedeutet nicht, dass damit Derrida oder Butler widerlegt wären; Parker/Kosofsky Sedgwick nennen “Count me out.” als mögliche Ablehnung der Mutprobe, was als konventionalisierte Formel beurteilt werden kann. Dennoch zeigt das Beispiel, dass Performativität oft von impliziter Zustimmung ausgeht und es den Beteiligten schwer macht, sich zu entziehen.
Quelle: Andrew Parker und Eve Kosofsky Sedgwick: Performativity and Performance. Taylor & Francis Group 2013