Drag ist zweifelsohne eine Kunstform. Und viele Drag-Künstler*innen erkunden in ihrer Arbeit mindestens ihr eigenes Gender, wenn nicht sogar meistens Geschlechtlichkeit im Allgemeinen. So, wie Judith Butler in Gender Trouble Drag beschreibt, generiert es sogar Wissen in einem relativ engen Sinne: Es verhilft uns zu einer Einsicht in das Wesen von Geschlecht. Dass die künstlerische Form für diese Einsicht notwendig (oder zumindest sehr hilfreich) ist, macht Drag sogar zu einem besonders guten Beispiel künstlerischer Forschung – zu einem, mit dem sich künstlerische Forschung rechtfertigen lässt.

Drag bei Butler#

Die Erwähnung von Drag innerhalb des Buchs Gender Trouble ist erstaunlich kurz – dafür, wie sehr Drag mit Butlers Theorie in Verbindung gebracht wird. Sie leitet den Abschnitt ein mit einem impliziten Bezug auf Austins Performativitätskonzeption, wo performative Äußerungen nicht wahr oder falsch sein können, sondern nur gelingen oder misslingen:

“If the inner truth of gender is a fabrication and if a true gender is a fantasy instituted and inscribed on the surface of bodies, then it seems that genders can be neither true nor false, but are only produced as the truth effects of a discourse of primary and stable identity.” (S. 186)

Solange wir Gender als Ausdruck eines inneren Geschlechts denken, können Ausdruck und Innerlichkeit übereinstimmen – dann ist das Gender ‘wahr’ – oder eben nicht. Wenn nun aber die Idee eines inneren Geschlechts nur eine ‘fabrication’ ist, die von außen in uns eingeschrieben wird, dann fällt diese ‘innere Wahrheit’ weg, und Geschlecht ist ein Effekt unseres Lebens in unserer Umwelt. Wie genau dieses Einschreiben passiert, könne vom Drag enthüllt werden:

“[…] [A]nthropologist Esther Newton suggests that the structure of impersonation reveals one of the key fabricating mechanisms through which the social construction of gender takes place. […] I would suggest as well that drag fully subverts the distinction between inner and outer psychic space and effectively mocks both the expressive model of gender and the notion of a true gender identity” (S. 186)

Butler zitiert weiter Newton, für die Drag gleichzeitig zwei widersprüchliche Behauptungen aufstellt: “‘my ‘outside’ appearance is feminine, but my essence ‘inside’ [the body] is masculine.’” sowie “‘my appearance ‘outside’ [my body, my gender] is masculine but my essence ‘inside’ [myself] is feminine.’” (zit. n. S. 186)

Das schafft vor allem eines: Verwirrung. Und diese Verwirrung zeigt, dass es eben nicht so einfach ist mit dem ‘wahren’ Geschlecht, dass also ‘wahr’ und ‘falsch’ nicht die richtigen Begriffe sind, um das zu beschreiben, was da vor sich geht. Aber es verwirrt (und widerlegt dabei) nicht nur, sondern es gibt uns auch einen Hinweis, wie wir Geschlechtlichkeit verstehen können:

“The performance of drag plays upon the distinction between the anatomy of the performer and the gender that is being performed. But we are actually in the presence of three contingent dimensions of significant corporeality: anatomical sex, gender identity, and gender performance. If the anatomy of the performer is already distinct from the gender of the performer, and both of those are distinct from the gender of the performance, then the performance suggests a dissonance not only between sex and performance, but sex and gender, and gender and performance. […] [Drag] reveals the distinctness of those aspects of gendered experience which are falsely naturalized as a unity through the regulatory fiction of heterosexual coherence. In imitating gender, drag implicitly reveals the imitative structure of gender itself—as well as its contingency."(S. 187)

Drag enhüllt uns nicht zwei, sondern sogar drei Dimensionen: Anatomie, Gender des Performers und Gender der Performance. Und im Zuge dieser Enthüllung wird unser Verständnis von Geschlechtlichkeit erweitert, wir bekommen Einsicht in die “imitative structure”.

Ist das nun künstlerische Forschung?#

Einen deutlichen Unterschied zu den typischen Projekten künstlerisch Forschender sehe ich aber: Folgen wir Butler, so zeigt jede Drag-Performance (oder zumindest viele davon) genau diese eine Einsicht. Künstlerische Forschungsprojekte haben aber oft eigene, unterschiedliche Einsichten und ähneln damit der herkömmlichen akademisch-wissenschaftlichen Forschung, die einzelne Einsichten neu in die Welt bringen soll.

Außerdem zögere ich üblicherweise, etwas künstlerische Forschung zu nennen, das nicht von den Kunstschaffenden selbst so bezeichnet wird. Auch in diesem Fall sehe ich diese Problematik: Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Drag-Royalty ihre Tätigkeit als Kunst (und nicht einfach nur als Unterhaltung) bezeichnen würden, bleibt die Frage, ob sie mit ihrer Kunst die Absicht hegen, eine Einsicht oder neues Wissen zu schaffen. Wenn dies nur ein zufälliges Nebenprodukt ist, können wir dann von Forschung sprechen?

Wenn es sich wirklich nur um ein zufälliges Nebenprodukt handeln würde, wäre es in der Tat schwerer zu rechtfertigen. Aber ich denke nicht, dass die ‘Einsichten’, die Butler Drag zuschreibt, nur ‘zufällige Nebenprodukte’ von Drag sind. Sie erwähnt “pleasure” und “giddiness […] in the recognition of a radical contingency”; das Interessante am Drag ist genau dieses Schwindelgefühl, das die Einsicht hervorruft.

Drag, so wie es in Gender Trouble beschrieben wird, ist künstlerische Forschung par excellence.

Quellen#

Alle Seitenangaben beziehen sich auf:
Judith Butler: Gender Trouble. Routledge 2015.