Wer ist abwesend?
Mein Projekt, und damit zusammenhängend mein Zugang zu Abwesenheit, geht von meiner Abwesenheit aus. Ich nehme an, dass alle anderen noch da sind; dass sie weiterhin ihrem Leben nachgehen und nur ich selbst abhandengekommen bin. Ich versetze mich damit in die Situation der anderen, der “Anwesenden”, denn ich bin ja die Person, die “abwesend” ist, nicht am richtigen Ort, von der Norm abweichend. Ich sende von meinem Ort im Nirgendwo in die Welt hinein; dorthin, wo die Anwesenden zugegen sind.
Dass Sendende und Empfangende nicht am selben Fleck sein müssen, ist der Witz der Schrift, das sieht auch Derrida in Signature Événement Contexte1 so. Dass Derrida dort aber zunächst die Perspektive der Schreibenden einnimmt, hatte ich bisher überlesen: Er schreibt von der “disappearance of any receiver”(S. 7) und vom “death of the addressee”(S. 7). Hier ist also genau die andere Partei abhandengekommen. Sein Punkt ist, dass selbst bei ebendiesem vollständigen Verschwinden der Empfängerin Schrift noch Schrift bleibt.
Häufig bin ich einsam, oft bin ich allein, doch wenn ich verschwinde, werden Sie es sein. (Robert Gernhardt / F.W. Bernstein)
Auch im Gespräch mit meiner Betreuerin Miriam Dreysse ist aufgekommen, dass gar nicht so ausgemacht ist, um wessen Abwesenheit es nun genau geht. Wie sehr ich das einschränken sollte – also ob explizit auf abwesende Personen, abwesende Performer, oder eher ganz allgemein bleiben mit “Abwesenheit in jeder Geschmacksrichtung”; inwieweit ich also bestimmen kann, wo die Musik spielt und wer von ihr abwesend ist –, wird sich wahrscheinlich erst im Lauf der Beschäftigung mit der Thematik herausstellen – im Moment ist der Fokus noch auf Performativität; ich werde also noch einmal auf diesen Text zurückkommen.
Schließlich aber dehnt Derrida bei Schrift wirksame Abwesenheit auch auf die Sendenden aus und spannt auch da das Feld auf zwischen seinem Ableben, über eine neutralere “nonpresence”(S.8) sowie die Abwesenheit des Wunsches zu kommunizieren, bis hin zur bloßen Unaufmerksamkeit. Derrida durchstreift in seiner Betrachtung der Schrift einen ganzen Zoo an Abwesenheiten.
-
Hier zitiert in der englischsprachigen Ausgabe von Limited Inc, Northwestern University Press 1988, S. 1-24. ↩︎