Dieser Text entstand 2019 im Rahmen eines Musikphilosophie-Seminars.

WO SIND WIR, WENN WIR MUSIK HÖREN?

(Ein vielleicht ein bisschen postmodernes Essay; Dorothea Koch, 12. und 13. Februar 2019)

Hallo?! Bist du noch ganz da?!

Wo ich bin?

Ich bin gerade auf der Youtube-Kommentarspalte. Viele Leute behaupten, es gäbe nichts dümmeres als Youtube-Kommentare, aber diese Leute hören nicht genug klassische Musik. Viel von den Kommentaren unter Videos mit klassischer Musik ist richtig gut fundiert und lesenswe–

Meingott, der Pianist guckt aber bemitleidenswert. Als hätte er zu enge Schuhe an …

Ah, Konzerthusten. Ist ja eine Pianostelle. Wer war das nochmal: “Manche Leute gehen ins Bett, wenn sie eine Erkältung haben, manche ins Konzert.” Loriot? Karl Valentin?

Geben’S doch dem Mann am Klavier
ein frisches Bier
sagn’S ihm des wär von mir,
für den Mann am Klavier ein Bier.

Versuchen wir nicht eigentlich, gar nirgends zu sein beim Musikhören? So ein Flow- Moment?

Meingott, was der aus Tonleitern macht… Jetzt könnte aber auch mal was anderes kommen.

Hallo?! Bist du noch ganz da?!

Wo sind wir, wenn wir Musik hören?

Wo ist meine Res Cogitans, wenn meine Res Extensa der ersteren von speziellen Luftbewegungen berichtet?

Erstmal muss sie (die Res C) diese Frage natürlich von sich weisen, weil sie ja per definitionem nicht räumlich ist. Aber dann kommt da doch obige Frage: Bist du noch ganz da?

Es gibt also doch noch ein Da-Sein und ein Weg-Sein für meine RC (yo!), aber wo breitet sie sich denn aus, wenn ich gekreislert werde?

Ich mag diese Idee vom platonischen Reich der Ideen. Zum Beispiel Zahlen (ich mag Zahlen). Zahlen existieren. Irgendwie. Aber nicht hier. Und nicht Extensa-Style. Sondern — —1 irgendwie halt. In ihrem eigenen Raum. Ähnlich wie das Reich der Zahlen gibt es auch das Reich der Musik; es ist dort, wo wir uns dann befinden, wenn wir Musik hören – im Idealfall, also eigentlich nie. Natürlich drifte ich ab. Denke über meinen Hustenreiz und die Decke des Konzertsaales nach. Aber an manchen Stellen bin ich ganz da. Also weg. IN der Musik.

Vielleicht ist es das, was Leute mit dem Wort “Flow” bezeichnen. Ganz “im Moment sein” wobei es sich für mich eher anfühlt, als wäre es außerhalb des Moments. Eine ewige Endlichkeit dem Moment, der Zeit, enthoben – oder auch einer anderen Zeitlichkeit gegeben, denn Musik braucht Zeitlichkeit. Vielleicht ist die Frage viel eher: Wann sind wir, wenn wir Musik hören?


Auf diesen Text kann ich nun antworten mit dem letzten Blogpost:

Wo bin ich, wenn ich Musik höre? Ich bin HIER!


  1. Hierfür packe ich auch die ganz langen Gedankenstriche aus. Ich fuchtele. ↩︎