Wider den Platonismus
Elfie Miklautz zeichnet in ihrem Artikel1 Formen der negativen Performanz innerhalb der Musik nach. Nach Überlegungen, wer in diesem Gebiet sich negative Performanz leisten kann – vom Publikum wird es gefordert, für Musiker*innen ist es eher kostspielig; erst die etablierten können es sich leisten – betrachtet sie mehrere berühmte Fälle des Sich-Zurückziehens von Musiker*innen, allen voran Glenn Gould.
Der Pianist hat ab einem Zeitpunkt aufgehört, Konzerte zu geben und nur noch Aufnahmen produziert. Miklautz beschreibt Gould als einen Platonisten; es sei nicht Auftrittsangst, die ihn vom Konzertieren abgehalten habe, sondern der Perfektionismus und die Abneigung gegenüber reiner Virtuosität, den Kunststücken.2 Sie zeichnet das Bild Goulds als Perfektionisten, der auf der Suche nach der reinen Musik ist, der sich ganz zurücknimmt, um nur die Musik sprechen zu lassen und nicht mit Virtuosität anzugeben – Musik, die nicht durch Körperlichkeit beschmutzt ist; es geht um “Analytische Klarheit und Erfassbarkeit der musikalischen Strukturen”3, eine nicht nur ästhetische, sondern auch moralische Aufgabe.4
Dem stellt sie Kritik an Aufnahmen gegenüber: Gerade “[t]echnische Eingriffe gelten [laut dieser Kritik] als […] unredlich, weil sie die Einmaligkeit des stattgehabten Klangereignisses nicht wahren.” – die Körperlichkeit kommt abhanden. Hier sehe ich eine Verwandtschaft mit der Performativität: Es geht nicht so sehr um abstrakte Ideen, nicht um Bedeutungen, sondern um das, was stattfindet. Es repräsentiert nicht, es präsentiert.
Meine Abwesenheitsproblematik schiebt mich in die Situation von Gould: Ich kann aufnehmen, ich kann vorbereiten, feilen, aber ich kann nicht konzertieren, ich kann eben nicht körperlich anwesend sein. Mein Interesse gibt aber der Frage nach der Körperlichkeit in der Vermitteltheit: Auch Aufnahmen sind körperlich verfasst; sie affizieren körperlich, können nicht reine Ideen sein. Und ich möchte argumentieren, dass auch Schrift auf diese Weise körperlich ist. Mindestens deswegen, weil Schrift in uns ankommt: Wenn wir Texte lesen, wird nicht nur gelesen, wir hören eventuell unsere innere Stimme, wir haben Assoziationen, driften ab, kommen auf Ideen – wir sind keine Automaten, die pure Worte in puren Sinn übersetzen, als pure Ratio in uns aufnehmen können.
Unser Denken, unsere Wahrnehmung ist immer schon dirty und performativ verfasst – ist körperlich. Deswegen ist auch unsere Schrift körperlich, indirekt körperlich: wir provozieren damit Körperlichkeit. Aber letztlich machen wir mit der Fischer-Lichte’schen Ko-Präsenz auch nichts anderes: Wir rufen die Körperlichkeit anderer hervor.
Das, was sich Gould da ausdenkt, könnte nur vollständig funktionieren, wenn wir reiner Geist sein könnten; wenn wir unsere res cogitans von unserer res extensa trennen könnten. Wir sind aber eben immer kontaminiert durch Körperlichkeit und dadurch ist dieser Rationalismus des rein geistigen Musikgenusses nicht möglich.
Wo bin ich, wenn ich Musik höre? Ich bin HIER!
to be continued.