Ein Verdacht gegen die künstlerische Forschung
Dieser Text ist sehr unreines, sehr lautes Denken und eher die Niederschrift eines unguten Gefühls, mit dem ich mich trage. Er ist vor allem eine Frage an das Publikum: Welche Texte sollte ich lesen, um zu erkennen, dass das nicht stimmt? Aber auch: welche könnten mir in meiner Argumentation helfen?
Mir fällt auf, dass sich künstlerische Forschung sehr häufig auf Baumgartens “ästhetische Erkenntnis” beruft, so beispielsweise Anke Haarmann1.
Nun ist Alexander Baumgarten inzwischen mehr als ein Vierteljahrtausend lang tot, und seitdem ist viel Kunst geschaffen und Ästhetik gedacht worden. Insofern scheint es mir merkwürdig, wenn sich Konzeptionen der künstlerischen Forschung ausgerechnet auf ihn stützen – gibt es denn keine neueren, aktuelleren Ästhetiken, mit denen sich künstlerische Forschung begründen könnte? Woher diese Baumgärtnerei?
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Es könnte sein, dass Baumgarten einfach so wichtig ist, seine Überlegungen so grundlegend, dass der Bezug auf ihr gerechtfertigt ist, so wie in der Philosophie immer noch über – zehnmal älteren – platonische Positionen gesprochen wird. Dagegen spricht, dass er außerhalb des Diskurses um die künstlerische Forschung kaum noch bearbeitet wird – eher der Vollständigkeit halber erwähnt, in Übersichten zur Geschichte der Ästhetik.
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Ich denke aber eher, dass seine Ästhetik einfach nützlich ist, weil er den Begriff der “ästhetischen Erkenntnis” benutzt. Ich habe den Verdacht, dass die Theorien der künstlerischen Forschung diesen Begriff halb-absichtlich missverstehen; dass ‘Erkenntnis’ für Baumgarten etwas leicht anderes bedeutet, als er es jetzt tut.
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Zudem habe ich den Eindruck, dass der Baumgarten-Bezug oft eher oberflächlich bleibt, aber um das einzelnen Autor*innen nachzuweisen, müsste ich mich tiefer in Baumgartens Positionen einarbeiten.
Man mag einwenden, dass mein Beispiel Anke Haarmann sich nicht ausschließlich auf Baumgarten beruft. Das stimmt natürlich, aber sie rezipiert ihn ausführlich und stützt ihre Konzeption der künstlerischen Forschung darauf.
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Anke Haarmann: Artistic Research. Transcript 2019, besonders S. 198-207. ↩︎