Performativität bei Derrida und performative research
Brad Haseman bezieht sich mit dem Begriff ‚performative research‘ primär auf Austin. Was passiert, wenn wir stattdessen Derridas Performativitätskonzept zugrunde legen?
Dieses findet sich primär in seinem Essay “Signature événement contexte”, wo er sich mit Austins Konzeption auseinandersetzt. Ein relevanter Unterschied ist die Rolle des Kontextes: Wo bei Austin der Kontext die Kraft der Performativität bestimmt und somit diese dem Kontext untergeordnet wird, kehrt Derrida diese Hierarchie um: Ein Zeichen ruft seine bisherigen, in es eingeschriebenen Kontexte auf, verändert diese dabei. Dieses Wiederaufrufen ist ein Kernpunkt von Derridas Konzeption: Ein Zeichen ist nur dann verstehbar, wenn es zitierbar, wiederholbar ist. Damit verselbstständigt sich die Sprache gewissermaßen: Nicht wir tun etwas mit Sprache (wie noch bei Austin), sondern die Sprache selbst tut etwas.
Wenn wir nun unsere Konzeption der künstlerischen Forschung sehr eng an diese Performativitätskonzeptionen anbinden, wie gestaltet sich dann dieser Unterschied?
Mein Vorschlag ist, dass eine Derrida’sche künstlerische Forschung sich verselbstständigt; nicht wir erforschen etwas, sondern die künstlerische Forschung übernimmt die Führung – was verdächtig nahe an Hasemans Enthusiasmus der Praxis (vgl. Haseman 2006, S. 100) herankommt.
Austin andererseits bietet uns zwei Möglichkeiten:
- Die Konzeption am Anfang von “How to do things with words”, die Konstativa und Performativa unterscheidet, und auf der Hasemans performative research explizit aufbaut. Analog zu Austins Idee könnte konstative und performative Forschung unterschieden werden; Forschung, die verweist und der Unterscheidung richtig/falsch unterliegt, und Forschung, die sich präsentiert und deren Kriterium das Gelingen ist. Die Gelingensbedingungen werden bei Austin vom Kontext erfüllt (oder eben nicht erfüllt): Wird die Äußerung ernst gemeint und nicht nur zitiert, haben die Beteiligten die richtigen Gefühle und sind am richtigen Ort dafür?
- Dem gegenüber steht die Konzeption, mit der Austin “How to do things with words” abschließt: Jede Äußerung hat lokutionäre, illokutionäre und perlokutionäre Anteile. Übertragen auf künstlerische Forschung würde dies bedeuten, dass jede Forschung (auch die nicht-künstlerische) performative Anteile besitzt, die mal mehr und mal weniger im Vordergrund stehen.
Derridas Kritik an Austins Konzeption besteht unter anderem, wie erwähnt, in der Entthronung des Kontextes; performative Forschung nach Derrida bezöge sich vielleicht auf ältere künstlerische Forschung und würde sie dabei verändern. Jörg Volbers betont, dass bei Derrida dennoch die Intention der Sprechenden und der Kontext nicht vollständig zurücktreten (vgl. Volbers 2014, S. 28). Die Rolle der Intention könnte in einer performativen Forschung der propositionale Inhalt oder eine Art Forschungfrage übernehmen.
Quellen:
- Jacques Derrida: Signature Event Context. In: Ders.: Limited Inc. Northwestern University Press 1988.
- Eckard Rolf: Der andere Austin. transcript 2015.
- Jörg Volbers: Performative Kultur. Springer VS 2014.
- Brad Haseman: A Manifesto for Performative Research, Media International Australia , Vol. 118, No. 1 (2006), SAGE Publications, S. 98-106.