In einer frühen Version meines Exposés hatte ich an mehreren Stellen den Begriff “Supplement” verwendet. Besonders die Formulierung “schriftliches Supplement” für den Textanteil einer künstlerischen Promotion wurde von meiner Betreuung beanstandet.

Aber woher kam mir dieser Begriff? Ich habe ihn augenscheinlich unbewusst aus meiner oberflächlichen Beschäftigung mit Derrida übernommen, der damit die untergeordnete Hälfte von hierarchischen Paaren von Begriffen bezeichnet: Natur vs. Kultur, Sprache vs. Schrift – jeweils einer der Begriffe wird “als ursprünglich und höherwertig, der andere als abgeleitet und minderwertig in Derridas Vokabular als ‘Supplement’, verstanden”1. Die Dekonstruktion wendet sich gegen diese Hierarchisierung und möchte nachweisen, dass am Ende der höherwertig gedachte Begriff vom Supplement abgeleitet und nachrangig ist.

Was sage ich denn dann, unbeabsichtigterweise, wenn ich den Begriff “Supplement” für den schriftlichen oder auch für den theoretischen Anteil des Promotionsprojekts verwende?

Ich reihe mich scheinbar ein in die Perspektive auf künstlerische Forschung, die der künstlerischen Praxis absolute Priorität und Ursprünglichkeit zuordnet, und die theoretische, diskursive Arbeit als sekundär, abgeleitet und nicht zu eigenen Impulsen fähig ansieht. Auf den zweiten Blick jedoch spiele ich auf die dekonstruktive Umwertung dieser Hierarchie an: Vielleicht gelingt es mir, mit einem gewissen Enthusiasmus der Theorie, die Hierarchie ein wenig zu destabilisieren.

Dabei kann ich mich recht weitgehend an Derrida orientieren, denn auch bei mir steht einer aufgewerteten Mündlichkeit, Präsenz, Praxis, Performance in Anwesenheit, die Schriftlichkeit entgegen, und mit ihr Abwesenheit. Die Frage ist, wie weit ich dabei gehen möchte: Wie lange ist es noch künstlerische Forschung, ab wann ist es Philosophie?

Literatur:

  • Jacques Derrida: Signature Event Context. In: Ders.: Limited Inc. Northwestern University Press 1988.
  • Eva von Redecker: Zur Aktualität von Judith Butler. Springer Link 2011.

  1. Redecker, S. 45 ↩︎