In Gender Trouble grenzt Butler ein performatives Verständnis von Geschlecht ab von einem “epistemological frame” (S. 195) oder “epistemological mode” (S. 197), mit dem das vorherrschende, ’expressive’ Verständnis von Geschlecht (vgl. S. 185f) verbunden ist. In diesem kurzen Text möchte ich mir selbst beim Orientieren helfen und mir klar werden, wie die verschiedenen Begriffe, die verwendet werden, zusammenhängen.

Dieser epistemologische Rahmen bringt eine Trennung zwischen Subjekt und Objekt mit sich: Einerseits das Subjekt: “the ‘I’ that confronts its world, including its language, as an object” (S. 196); andererseits das Objekt: “the ‘I’ that finds itself as an object in that world"196. Aber genau diese Trennung “conditions the very problematic of identity that it seeks to solve” (S. 196). Etwas eleganter drückt das vielleicht Robert Gernhardt aus:

Philosophie-Geschichte

Die Innen- und die Außenwelt,
die warn mal eine Einheit.
Das sah ein Philosoph, der drang
erregt auf Klar- und Reinheit.

Die Innenwelt,
dadurch erschreckt,
versteckte sich in dem Subjekt.

Als dies die Außenwelt entdeckte,
verkroch sie sich in dem Objekte.

Der Philosoph sah dies erfreut:
indem er diesen Zwiespalt schuf,
erwarb er sich für alle Zeit
den Daseinszweck und den Beruf.

(aus: Robert Gernhardt: Wörtersee. ZweitausendEins 1981, zitiert nach Planet Lyrik)

Ich bin mir nicht ganz im Klaren über die ‘problematic of identity’. Wahrscheinlich meint Butler damit, dass jemand gleichzeitig Subjekt und Objekt im oben genannten Sinn sein kann, zwei Dinge, die sich eigentlich auszuschließen scheinen – aber sie schließen sich eben nur innerhalb dieses epistemologischen Modells aus.

Diese Dichotomie jedenfalls, dieses epistemologische Modell “decides where and how questions of knowability and agency are to be determined” (S. 196f). ‘Knowability’ bezieht sich hier auf die Verständlichkeit und damit gesellschaftliche Akzeptanz von Genderidentitäten. ‘Agency’ ist hier (wahrscheinlich) die Fähigkeit, das System von Genderidentitäten zu verändern. Außerdem verschleiert sich der epistemologische Rahmen selbst, sodass er nicht von innerhalb diskutiert werden kann: Er ist eine “strategy of domination that pits the ‘I’ against an ‘Other’ and, once that separation is effected, creates an artificial set of questions about the knowability and recoverability of that Other” (S. 197). Das ‘Andere’ muss erst erzeugt werden, um dann als verständlich/unverständlich eingeordnet zu werden. Aber um von einem ‘Ich’ sprechen zu können, brauchen wir die Subjekt/Objekt-Trennung. Deshalb wirkt sie auf uns so normal, als wäre sie von vornherein gegeben.

Eine weitere Formulierung, mit der Butler den “epistemological account of identity” (S. 197) beschreibt, ist “the priority of the doer to the deed” (S. 202). Hier steht wieder ein Subjekt; nun ist es aktiv, das Subjekt tut etwas – und was getan wird, ist nicht so wichtig wie das Subjekt selbst. Vielleicht setzt hier Butler implizit ‘deed’ und Objekt gleich? Das Subjekt ist im epistemologischen Modus chronologisch oder hierarchisch vorgeordnet, und das hat Auswirkungen:

“Finally, the epistemological paradigm that presumes the priority of the doer to the deed establishes a global and globalizing subject who disavows its own locality as well as the conditions for local intervention.” (S. 202)

Das so etablierte Subjekt verleugnet seine “locality”, also seine Positioniertheit – die Tatsache, dass es keine Ratio von außerhalb ist – gleichzeitig übersieht es damit aber, dass von seiner Position auch abhängt, welche Interventionen erfolgreich sein können.


Butlers Alternative zum epistemologischen Modus ist eine Beschreibung von Identität, “which locates the problematic within practices of signification” (S. 197); der epistemologial mode ist nur “one possible and contingent signifying practice” (S. 197).

Damit muss aber auch agency anders gefasst werden: “the question of agency is reformulated as a question of how signification and resignification work” (S. 197): Identität wird die ganze Zeit gemacht (durch signification und resignification), nicht nur einmal hergestellt wie im epistemologischen Modus; und genau in dieser kontinuierlichen Herstellung (vielleicht eine Aufrechterhaltung?) entstehen Möglichkeiten der Veränderung. Butler selbst ist mit dem Begriff ‘agency’ recht vorsichtig: “As a process, signification harbors within itself what the epistemological discourse refers to as ‘agency.’” (S. 198)

Der epistemologische Modus ist in Butlers Konzeption also genau der Konkurrent zur Performativität; das, was durch Performativität ersetzt wird.

Epistemologischer Modus Performativität
Geschlecht expressiv: von innen nach außen performativ: von außen nach innen
Subjekt > Objekt locality
Subjekt als Ausgangspunkt, “doer” Handlung, “deed”
Identität, agency practices of signification and resignification
Knowability vom Subjekt ausgehend “Other” wird nicht hergestellt, knowability ist keine Frage

Quelle#

Judith Butler: Gender Trouble. New York, 2015.