Performativität bei Judith Butler und davon abgeleitete performative research
Analog zu einem vorigen Blogpost zur Konzeption Jacques Derridas werde ich hier einige Ideen darlegen, wie sich die Performativitätskonzeption Judith Butlers auf künstlerische Forschung anwenden lässt. Wieder von Brad Haseman ausgehend, möchte ich künstlerische Forschung als performative research annehmen. Haseman stützt seine performative research auf Austins Konzeption der Performativität – meine Frage ist, was passiert, wenn stattdessen andere Performativitätskonzeptionen angewandt werden: Wie können die Unterschiede in der Schwerpunktsetzung auf die künstlerische Forschung übertragen werden?
Ein Problem für mein Vorhaben ist, dass Butlers Performativitätskonzept nicht im luftleeren Raum schwebt: In Gender Trouble ist es vor allem ein Werkzeug, um die Erzeugung von Gender und biologischem Geschlecht zu verstehen und zu dynamisieren. Dadurch ergeben sich für mein Vorhaben zwei Möglichkeiten: Ich könnte mich nur auf das Performativitätskonzept im engeren Sinne konzentrieren, oder ich könnte die Einsichten zur Geschlechterkonstitution übertragen auf künstlerische Forschung oder sogar auf Forschung allgemein.
Butlers Konzeption#
Butlers Sicht auf Performativität schließt an die von Derrida an. Damit ist vieles, was bereits zu Derrida bemerkt wurde, hier gleichfalls relevant, so spielt beispielsweise die Zitation eine zentrale Rolle: Bei Derrida ist es die Kopie ohne Original, bei Butler ist es die Imitation eines Ideals, die offenlegt, dass auch das, was als “Original” anerkannt wird, nur eine Imitation ist (vgl. Butler, S. 188).
Wie ich in einem anderen Blogpost herausgearbeitet habe, stellt Butler fest, dass es einem herkömmlichen und hegemonialen “epistemological mode” (Butler, S. 197) gibt. Zu ihm gehört das ’expressive’, essentialistische Verständnis von Geschlecht, wo eine chronologisch und kausal vorgeordnete, innere Identität durch adäquates Verhalten ausgedrückt wird. Ein performatives Verständnis von Geschlecht dreht diese Kausalwirkung um: Zuerst kommt das Verhalten, die Gender-Performances, die dann den Eindruck einer inneren Identität nach sich ziehen. Anstatt einen inneren Wesenskern auszumachen, der sich durch Handlungen ausdrückt, besteht die Geschlechtlichkeit in den Handlungen selbst, die die Geschlechtsidentität als Effekt (mit Redecker sogar als “‘Show-Effekt’”1) nach sich ziehen.(Vgl. Butler, S. 192)
“Such acts, gestures, enactments, generally construed, are performative in the sense that the essence or identity that they otherwise purport to express are fabrications manufactured and sustained through corporeal signs and other discursive means. That the gendered body is performative suggests that it has no ontological status apart from the various acts which constitute its reality. This also suggests that if that reality is fabricated as an interior essence, that very interiority is an effect and function of a decidedly public and social discourse” (Butler, S. 185)
Nur das Performativitätskonzept im engeren Sinne#
Beschränke ich mein Vorhaben auf Butlers Fassung von Performativität, so ist der Ertrag relativ dünn und geht kaum über die Punkte hinaus, die ich schon bei Derrida festhalten konnte. Eine Sache jedoch ist mir aufgefallen: eine wichtige Rolle der Performativität ist für Butler, dass sie ermöglicht, Geschlechtlichkeit nicht essentialistisch denken zu müssen.
Analog dazu könnte eine performative research den Versuch aufgeben, eine tiefliegende Wahrheit auszudrücken oder aufzuspüren, und sich auf die Sachverhalte fokussieren, die äußerlich wahrnehmbar sind. Wenn sie weiterhin am Begriff des ‘Wissens’ festhalten möchte, würde sie dessen Bedeutung verschieben: Anstatt Wissen fest an Wahrheit zu knüpfen – eine Wahrheit, die davon unabhängig ist, ob sie gewusst wird oder nicht, und die für das Wissen herausgefunden werden muss –, wird Wissen erzeugt, hergestellt; und zwar ohne bei der Herstellung einem Muster, einem platonischen Ideal nachzustreben, sondern höchstens in Analogie eines Vorbilds (das, via Derrida, jedoch selbst schon Kopie eines anderen Vorbilds ist, und, wieder Butler, durch das Kopieren als solches entlarvt werden könnte). Dies geht parallel mit wissenschaftstheoretischem Anti-Realismus, könnte aber auch darüber hinausgehen, indem es kontingente Ergebnisse zulässt. Wird dann aber für die Ergebnisse weiterhin der Begriff ‘Wissen’ verwendet (was naheliegt, wenn die Tätigkeit als ‘Forschung’ bezeichnet wird), so wird dieser stark gedehnt, was die gesamte Position angreifbar macht.
Außerdem lässt sich der ganze Komplex um den epistemischen Modus übertragen: Statt einer in der Forschung üblichen Trennung zwischen Subjekt und Objekt, also Forschendem und Erforschtem, könnte künstlerische Forschung diese vereinen. Was tatsächlich bereits ein zentrales Motiv der künstlerischen Forschung ist, ist das Zusammenfallen von Forschungstätigkeit und Erforschtem, so findet es sich beispielsweise bei Haseman. Die beiden Bewegungen sind ähnlich, aber nicht genau das Gleiche: Forschende-Erforschtes (Butler-Analogie) vs. Forschungstätigkeit-Erforschtes. Den Forschenden mit der Forschungstätigkeit gleichzusetzen erscheint mir zunächst problematisch, doch Butlers Konzeption erlaubt dies:
“My argument is that there need not be a ‘doer behind the deed,’ but that the ‘doer’ is variably constructed in and through the deed.”
Analoga zur Geschlechterkonstitution#
Wenn nun aber nicht nur Butlers Performativitätsbegriff angewendet wird, sondern die eigentliche Thematik von Gender Trouble, nämlich die Geschlechterkonstitution selbst, so tun sich vielfältige Möglichkeiten für Analogien auf.
Folgen wir dem wissenschaftstheoretischen Strang noch weiter, könnte die Wirklichkeit, die wir mit Wissenschaft erforschen, analog zur den Geschlechtern als konstruiert, diskursiv hergestellt worden sein. Alles, worauf wir uns beziehen können, ist bereits innerhalb der Kultur und damit kulturell geformt. Es gibt keine Natur, keine Körper (bei Butler) bzw. keine Realität (für die Wissenschaft), die vor der Kultur bzw. Forschung existieren würden, und die wir erreichen könnten, wenn wir nur tief genug graben. Was wir als Geschlecht bezeichnen können oder als Wirklichkeit erforschen können, wird erst durch das Bezeichnen und Erforschen hergestellt; und je nach Art der Bezeichnung/Erforschung wird es auch verändert:
“‘performative’ suggests a dramatic and contingent construction of meaning” (Butler, S. 189)
Dass wir dennoch zwischen ‘wahr’ und ‘falsch’, also ’einer inneren/tieferen Wahrheit entsprechend’ und ‘ihr nicht entsprechend’ unterscheiden, ist eine “regulatory fiction” (Butler, S. 192), eine Fiktion, die den Zweck hat, Regeln durchzusetzen und zu rechtfertigen. (Den Begriff ‘regulatory fiction’ bzw. “regulatory practices” (S. 23f, passim) übernimmt Butler von Foucault. Es wäre sicher sinnvoll, ihm noch genauer nachzugehen.) Welche Entität jedoch profitiert von den Regeln? Und wer ist das dann in meiner Analogie?
Ein weiterer zentraler Begriff für Butlers Konzeption ist ‘Parodie’ – diesen werde ich in einem anderen Blogpost genauer unter die Lupe nehmen. Die Parodien, die Butler interessieren, sind keine Imitationen eines Originals, die abwerten oder unkritisch aneignen (vgl. Butler S. 187), sondern Offenlegungen von Kontingenz: Besonders drag zeigt, wie sich die Imitationen nicht auf ein echtes, erreichbares Original beziehen, sondern höchstens auf ein Ideal, das auch von den angenommenen ‘Originalen’ (also den ’echten’ Frauen) nicht erreicht wird (vgl. Butler, S. 188). Drag ist genauso echt. Analog dazu könnte die künstlerische Forschung eine Parodie der herkömmlichen wissenschaftlichen Forschung sein, der dabei gezeigt wird, wie auch sie nur drag ist. Dabei wäre eine Weiterentwicklung durch beabsichtigte Parodie, aber auch durch eine “failure to repeat” (Butler, S. 192), also ein Scheitern am Ideal, stattfinden.
Stabile Begriffe von Weiblichkeit/Identität erscheinen laut Butler vielen feministischen Theoretiker*innen als notwendig für “feminist politics” (Butler, S. 200), aber gleichzeitig schränken sie die Möglichkeiten auch ein; “[they] work to limit and constrain in advance the very cultural possibilities that feminism is supposed to open up” (Butler, S. 201). Vielleicht finden sich Strukturen der Wissenschaft, die künstlerisch Forschenden als notwendig erscheinen und die analog zur Identität den Handlungsrahmen eher einengen; die sich dann aber durch eine performative Konzeption dynamisieren ließen?
Eine Einschränkung für alles bisher geschriebene habe ich aber: Die Dynamisierung der erforschten Wirklichkeit hängt in diesem Fall davon ab, Forschung als performativ zu begreifen: Eine butler’sch-performative Forschung könnte diese Dynamisierung nach sich ziehen. Das heißt nicht, dass alle Forschung performativ ist; eine nicht-performative, ’essentialistische’ Forschung könnte je nach Konzeption noch parallel dazu stattfinden.
Quellen#
- Judith Butler: Gender Trouble. New York, 2015.
- Eva von Redecker: Zur Aktualität von Judith Butler. Springer Link 2011.
- Brad Haseman: A Manifesto for Performative Research. Media International Australia , Vol. 118, No. 1 (2006), p. 98-106.
-
Redecker, S. 65 ↩︎