Projektvorstellung 2026
In einem Satz#
Im anvisierten Dissertationsprojekt werde ich das Problem der Abwesenheit für künstlerische Forschung in Performance – das sich für mich aufgrund einer Post-Covid-Erkrankung ganz konkret stellt – mithilfe des Performativitätsparadigmas sowie durch Literaturarbeit und verschiedene Performanceprojekte untersuchen.
In vier Absätzen#
Künstlerische Forschung beansprucht die Möglichkeit eines Erkenntnisgewinns in den Künsten, dem andere Arten von Forschung nicht gerecht werden können: Durch künstlerische Produktion – und nicht nur durch die Reflexion über Kunst – werde eine Art Wissen generiert, das mit herkömmlicher geisteswissenschaftlicher und naturwissenschaftlicher Forschung nicht abgedeckt wird. Dieser Erkenntnisgewinn wird teils mit dem sogenannten Performativitätsparadigma erklärt, das den Fokus auf Praxis und Präsentation im Gegensatz zu Bedeutung und Vermittlung legt. Die wesentliche Idee dieses Paradigmas ist, dass durch den Vollzug von Handlungen Wirklichkeit hergestellt wird.
Doch in der Kombination mit künstlerischer Forschung ergibt sich ein Problem: Sie beinhaltet auch diskursive Elemente, aber Schrift und die mit ihr einhergehende Abwesenheit sind für Performativität eher Gegenbegriffe. Abwesenheit hinwiederum charakterisiert essenziell meine Situation als Performerin: Durch eine Post-Covid-Erkrankung ist es mir nicht mehr möglich, auf der Bühne präsent zu sein.
Die anvisierte Dissertation soll die genannten Positionen verknüpfen und Abwesenheit sowohl als Thema, als auch als formalen Kontext behandeln: Wenn künstlerische Forschung einerseits mit dem Performativitätsparadigma beschreibbar ist und sich andererseits auch durch Texte ausdrückt, wie steht es dann um die Performativität dieser Texte?
Die Relevanz des Projektes besteht im Aufgreifen der Lebenssituation des pandemischen Lockdowns; zudem setzt sich die Arbeit mit der fortschreitenden Mediatisierung unserer Kultur auseinander. Dies geschieht durch Literaturarbeit und Analyse von vorliegenden Performanceprojekten; der entstehende Text wird sich jedoch nicht nur auf der inhaltlichen, sondern auch auf der formalen Ebene mit der Thematik auseinandersetzen. Er wird damit nicht nur erzählen, sondern auch zeigen, und letztlich selbst als Performance – eine Performance der Abwesenheit – verstanden werden können. Zudem werde ich mittels eigener Performanceprojekte geringeren Umfangs den Teilthematiken auch auf der künstlerischen Ebene nachgehen.
Methodik#
Meine Arbeit speist sich, wie viele Texte der künstlerischen Forschung, aus geisteswissenschaftlichen Quellen und Methoden und wird auch primär aus einer wissenschaftlichen Dissertation bestehen. Dennoch strebe ich nicht an, einen rein geisteswissenschaftlichen Text zu schreiben – um mit Henk Borgdorff zu sprechen: sie soll nicht nur ‘research on art’ sein, sondern auch ‘research in art’1 – sie soll demnach auch nach künstlerischen Logiken funktionieren, wenngleich sie nicht unbedingt als eigenes Kunstwerk gesetzt werden soll. Damit ergibt sich eine Spannung zwischen diesen beiden Forschungsformen, die ich auch innerhalb des Textes explizit machen werde.
Eine Option dafür ist, mit Julian Klein künstlerische Form als doppelte Rahmung zu begreifen2: Wenn der Inhalt im Rahmen reflektiert wird, lässt sich von einer künstlerischen Form sprechen. Dies ist allein schon deshalb der Fall, da ich mich im Medium der schriftlichen Philosophie beziehungsweise Wissenschaftstheorie mit dem Themenkomplex Abwesenheit/Schriftlichkeit auseinandersetze, genauso wie ich mich mittels künstlerischer Forschung mit ebendieser auseinandersetze. An dieser Stelle findet sich auch Performativität auf der Form-Ebene wieder: Der Text verweist nicht nur auf seinen Inhalt, sondern tut auch selbst etwas – er vollzieht das, was er aussagt.
Radikaler noch wird sich dies zeigen, wenn die Thematik in die Form hineinbricht, wenn ich also durch den Text die Inhalte des Textes erlebbar machen kann. Dies wird keine formale Spielerei sein, sondern Teil der Auseinandersetzung mit dem Thema mit künstlerischen Methoden: Ich werde mein Thema nicht nur beschreiben, sondern auch – performativ – erfahren lassen. Damit, dass ich der Form einen Stellenwert in der Aussagekraft meiner Arbeit einräume, folge ich Anna Seitz und Jörg Holkenbrink, die davor warnen, dass Wissenschaft oft Gefahr läuft, ihre eigene Dramaturgie zu übersehen.3 Jeder Text ist inszeniert; und genau an dieser Inszenierung kann ich die Brücke zur Performance schlagen.
Über diese Rahmung hinaus werde ich meine Arbeit an konkrete künstlerische Praxis anbinden: Anhand von Analysen vorliegender Performanceprojekte kann meine Konzeption auf Tragfähigkeit untersucht und ergänzt werden. Entscheidende Fragen werden sein, in welchen Formen Abwesenheit dort relevant wird, inwiefern die Performanceprojekte selbst schon als künstlerische Forschung angesehen werden können und wie sich die Abwesenheit auf ebendiese künstlerische Forschung auswirkt. Neben der Auseinandersetzung mit abgeschlossenen Projekten tritt meine laufende künstlerische Tätigkeit – so sie jeweils möglich ist. Projekte mit geringerem Umfang werden die textuelle Auseinandersetzung begleiten und ergänzen. Trotz ihres voraussichtlich geringeren Ausmaßes sollen sie gegenüber der Literaturarbeit nicht sekundär sein und eine zentrale Möglichkeit darstellen, die Thematik zu vertiefen und emergenten Aspekten eine Bühne bieten.4
Auch die Textarbeit wird sich aus verschiedenen Teilen zusammensetzen: Neben der Arbeit am eigentlichen Dissertationstext veröffentliche ich Reflexionen und Skizzen auf einem eigens für das Promotionsprojekt eingerichteten Blog.5 Dies dient dazu, Schreiben als Methode nicht nur der geisteswissenschaftlichen Forschung, sondern auch der künstlerischen Forschung, eben als “process of discovery”6 einzusetzen.7
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Vgl. Borgdorff, Henk: The Conflict of the Faculties. Leiden University Press: 2012. S. 37f. ↩︎
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Klein, Julian: Künstlerische Forschung gibt es gar nicht – und wie es ihr gelang, sich nicht davor zu fürchten. In: Jürgens, Anna-Sophie / Tesche, Tassilo (Hrsg.): LaborARTorium. Forschung im Denkraum zwischen Wissenschaft und Kunst. Transcript 2015. ↩︎
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Vgl. Seitz, Anna / Holkenbrink, Jörg: Auf dem Spielfeld der Formate. Seitz, Anna / Lagaay, Alice (Hrsg.): Wissen Formen. transcript Verlag 2018 S. 91-102, hier S. 96f. ↩︎
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Vgl. Hübner, Falk: Method, Methodology and Research Design in Artistic Research. Routledge 2024; besonders S. 134f. ↩︎
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Marshall, Judi: First Person Action Research. SAGE Publications 2016. ↩︎
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Vgl. auch Hübner S. 83f. ↩︎