Was tun wir, indem wir künstlerisch forschen?
In ihrem Text “Was tut Austin, indem er über das Performative spricht?” wendet Sybille Krämer Austins Überlegungen zu Performativität auf seinen Text “How to do Things with Words” selbst an. Sie stellt sich damit gegen eine herkömmliche Austin-Rezeption, die vor allem darauf abstellt, was Austin sagt, und nicht wie er es sagt: Er konstatiert zunächst die Existenz einer Klasse von Äußerungen, die tun, was sie sagen – im Gegensatz zu einem üblichen Sprachverständnis, in denen Äußerungen nur Realität abbilden und nicht verändern. Im Verlauf des Textes lässt er aber diese Dichotomie scheitern und schlägt letztlich ein anderes Modell vor, das in jeder Äußerung lokutionäre (verweisende, aussagende), illokutionäre (performative) und perlokutionäre (auf die Folgen der Äußerung bezogene) Aspekte ausmacht. Dieser Schritt, von “Performativ vs. Konstativ” zu “Lokutionär, Illokutionär und Perlokutionär”, wird üblicherweise als Fortschritt gesehen, als Verbesserung oder Verfeinerung der Theorie.
Krämer hingegen stellt die Frage, ob mit dieser Ersetzung nicht wertvolle Einsichten verloren gehen, und ob nicht Austin mit seinem Vorgehen genau ein solches Vorhaben der Ersetzung konterkariert. Ihr ist klar, dass sie über Austins Intention hinausgeht, dennoch erkennt sie bei Austin eine “Skepsis gegenüber der Idee von der Logosauszeichnung der Sprache, der Annahme also, sprachliche Phänomene mit Hilfe disjunkter Begriffe vollständig beschreiben zu können” (S. 20). Dieses “intellektualistische[…] Sprachbild” (S. 21) verknüpft sie mit der Lokutionär-Illokutionär-Perlokutionär-Trias; die Aufteilung in konstative und performative Äußerungen geht über dieses Sprachbild hinaus: Performativität sei “kein rein sprachliches, vielmehr ein soziales Phänomen” (S. 23).
Gegen Ende des Aufsatzes wendet sie diese unterschiedlichen Herangehensweisen auf die Philosophie – ohne eine davon als minderwertig auszuzeichnen. Sie stellt eine “‘zweiheitliche Verfassung’ der Philosophie” (S. 31) fest:
Mit einer Stimme projiziert die Philosophie eine Übereinstimmung von Welt und Begriff, und diese am Logos orientierte Projektion ist wichtig, weil sie uns die Kraft gibt zum Überschuss des Sollens über das Sein, mithin den Mut zur Utopie. Mit der anderen Stimme zeigt sie, dass diese Projektion eine Fiktion ist, und diese an der Skepsis orientierte Desillusionierung ist bedeutsam, weil nur die Anerkennung der Kluft zwischen Sein und Sollen, die unser gewöhnliches Leben ausmacht, den Weg weisen kann, unser Leben nicht nur zu reflektieren, vielmehr zu tatsächlich zu führen. " (S. 30f.)
Was heißt das nun für performative Künstlerische Forschung? Krämer wendet sich gegen ein intellektualistisches Sprachverständnis, gegen die Vorstellung, dass alles, was durch Sprache ausgedrückt wird, auch vollständig propositional beschrieben werden kann. Eine analog gedachte künstlerische Forschung würde ebenso den Fokus auf nicht-propositionale Ergebnisse legen – wenn der Begriff “Ergebnis” hier gerechtfertigt sein sollte: Es könnte nicht so sehr um Ergebnisse einer anderen Art gehen, so wie es bei der Sprache um Inhalte anderer Art ginge, sondern um ein Geschehen, das während der zur Forschung vor sich geht, das letztlich der Zweck dieser Forschung ist, aber nicht vom Forschungsvorgang zu trennen ist. Eine solche Auffassung geht absolut konform mit Hasemans Idee der performative research.
Quellen#
Sybille Krämer: Was tut Austin, indem er über das Performative spricht? In: Mersch, Dieter / Kertscher, Jens (Hrsg.) Performativität und Praxis. Wilhelm Fink Verlag 2003, S. 19-34.